Schlüter, Gerhard

Erinnerungen

Dem Doppelsinn der Passion, dem Glühen und dem Leiden, begegnen wir
bereits kurz nach seiner Geburt im Nazi-Deutschland — er kam 1937
in Rostock zur Welt, die sich schon bald im 2. Weltkrieg befinden sollte.

Da zählte Gerd gerade 2 einhalb Lenze, als zum ersten Mal "zurück— geschossen" wurde, und 8 junge Jahre zählte er, als der letzte Blutstropfen für Führer, Volk und Varerland vergossen war. Feuer und Zerstörung überall, Elend und Hunger, Not und Angst: Kriegs jahre - Kindheitstage, Kindheitsjahre, eine Ewigkeit.
Kinder halten das Glück für ewig, das Grauen aber auch.

Manche Menschen leisten sich den Luxus lebenslanger Illusion, andere sind bescheidener und werden erwachsen, also illusionslos, Gerd wurde schon als Kind jeglicher Illusion beraubt. Wer seine Unschuld verloren hat, ist auf sich selbst gestellt. So machte er sich früh daran (was blieb ihm auch sonst?), sein Sensorium auszubilden und seine Waffen zu schmieden.
Kaum hatte er entdecke, daß ihm Zeichnungen leicht von der Hand gingen, gehörten Zeichnen und Malen zu seinem Waffenarsenal, und in der Zeit des Hungers, im ersten Rübenwinter tauschte er bemaltes Papier gegen bestrichenes Brot.

Sein Vater war Philatelist, er handelte mit Briefmarken, und in den väterlichen Sammlungen, den Postwertzeichen in den Alben, stieß Gerd auf Motive, mit feiner Hand gezeichnet und koloriert, Motive, die ihn ein Leben lang begleitet haben , nie mehr losließen: Motive aus der beseelten Natur. Geflügelte Wesen haben ihn beflügelt, immer wieder Vögel, immer wieder nicht die zahmen, die von der Freiheit nur singen, die wilden, die fliegen, die einfach fliegen.

Stellt Euch mal vor, Ihr habt drei Tiere frei, mit denen Ihr Euch identifizieren dürft. Bei mir wären's Esel, Elefant und Einhorn. Bei Gerd bestimmt die Schlange, ein Meeresbewohner und der adlige Adler.

Als man von Gerd Erwachsensein verlangte, mag er sich versteift haben, aus den lebendigen Vögeln seiner frühen Kindheit wurden die todbringenden der späten Kindheitsjähre, und er malte Flugzeuge, die gelegentlich abstürzen.
Fluggeräte hat er immer wieder gemalt: Die Dialektik will es, daß Flieger nicht nur Tod bringen, sondern auch Vehikel sein können für eine ausschweifende Seele, die den irdischen Käfig träumend und malend verlassen will.

In seinem letzten Bild zieht ein Ballon über dem aufgewühlten Meer ganz ruhig seine Bahn und wird, von Göttlichkeit beäugt, gen Himmel via Mond entschwinden. Das ist kein Fliegen und kein Fliehen mehr, das ist schon Schweben, Entschweben.
Fliegen und Fliehen unterscheiden sich nur durch einen einzigen Buch— Stäben — dessen Freiheit bedroht ist, muß gelegentlich die Flucht ergreifen. So geschehen 1957, als man den 20jährigen Gerd zu den Fahnen rief, zur NVA beorderte. Da floh, da- flog er auf einem Motorrad von Rostock gen Hamburg, mit der Parteikasse im Gepäck. Ein Schuft, der Böses dabei denkt: Kleine Fluchten kosten wenig, mittelgroße etwas mehr, die ganz großen sind eh unbezahlbar.

Von der Kunst, der brotlosen, läßt's sich bekanntermaßen nicht gut leben. Na und bevor Gerd in den 70ern dann ganz passabel davon leben konnte, war er Malocher vor dem Herrn. Als Brotberuf hatte der spätere Kunstmaler Maler gelernt, also Anstreicher, und für das bißchen Geld zum Leben jobbte er sich durch die Welt, mit Malwerkzeug und Schraubenschlüssel in der Hand und mit Nietzsche in der Tasche.

Zuvor oder danach ist Gerd ein Jahr zur See gefahren.

(die Erde hielt ihn noch gefangen die Lüfte hielten ihr Versprechen nicht Meer sei mir willkommen)

und mußte Niedergänge hinabsteigen in stickig-heiße Maschinenräume, bis er eines Tages den Kapitän portraitierte. Danach mußte Gerd selten mehr in die Hölle. Er war bei vollem Lohn zum Schiffskunstmaler avanciert.

Seither, seitdem - focht er sich durchs Leben, bis heute noch bestehend aus Kämpfen vielerlei Natur, aus Suche und aus Sucht (was ja fast das Gleiche ist), aus Reisen und aus Malen, Malen.

Was Gerd uns hinterlassen hat, ist viel mehr als die paar Bilder, die Ihr an den Wänden seht. Die feine Seele eines Urgesunden gibt uns auf, den Baum zu pflegen, den er, Gerd, gepflanzt hat.
In ihm wohnt der kleine Prinz (Thomas hat mich auf den Zusammenhang gebracht), der kleine Prinz, von einem Flieger (von wem sonst?) aus Passion geschrieben. Es ist der Baum des Herrn Ribbeck zu oder von Ribbeck im Havelland, auf dessen Grab die süßen Birnen wachsen, die uns nähren.

Die Urgesunden sind nicht die, die keine offen sichtbaren Blessuren an Körper, Geist und Seele mit sich herumtragen, sondern diejenigen, die mit dem unbestechlichen Blick nach innen und außen Umgebung und Welt ausloten. Wo sie Störungen ausmachen - des Gleichgewichts, der seelischen Hygiene, laufen solche Menschen Gefahr, selbst das Gleichgewicht, das Gleichgewicht selber zu verlieren ohne es je wirklich zu verlieren. Zu letzten Kategorie Mensch hat Gerd gehört.
Was soll ich sagen ? Gerd wußte, was er tat, in allem wußte er, was er tat.

Am Ufer


Bleistifte


"Du"


"Ich"



Auf dem Weg


Ich komme


Papageien



Start - Landung





Zusammen


----------------------------- Unsere Künstler ----------------------------


Schlichting, Ellen - Künstlerin
Schnibbe, Peter Barthold